Offener Brief an die Autoren Elsberg und Olsberg

Lieber Herr Elsberg, lieber Herr Olsberg,

Sie beide schreiben Romane über Digitalisierung und deren mögliche Auswirkungen und denken dabei über mögliche Folgen aktueller technischer Entwicklungen nach. Dabei entfernen Sie sich nicht beide selten sehr weit vom heutigen Stand der Technik. Vielmehr überlegen Sie, was mit dem heutigen Stand der Technik möglich ist, oder in naher Zukunft möglich sein wird. Ich arbeite mit den Technologien und digitalisiere in Wirtschaft und Industrie. Ich bin besorgt darüber, in welche Richtung die Entwicklung gerade geht und habe daher ein Anliegen an Sie.

Vor Jahren, als man von all der heutigen Technik noch nichts ahnte, schrieben Autoren Science-Fiction Romane über eine düstere, technokratische Welt. Um nur die bekanntesten zu nennen, die so ziemlich alle Generationen aus Schule oder Fernsehen kennen:

Aldous Huxley, Brave new world, 1932
George Orwell, Neunzehnhundertvierundachtzig, 1948
Arthur C. Klarke, Odyssee im Weltraum, 1968

Viele, die sich heute mit Technik auseinandersetzen, sind erstaunt, dass wir heute über fast alle der Technologien verfügen, die in den Romanen beschrieben wurden. Winzige Computer kosten heute so gut wie nichts mehr und werden von Glühbirnen über Kinderwagen in alles verbaut. Neuronale Netze identifizieren Menschen, deren Alter, Geschlecht und Emotionen in Sekundenbruchteilen und entscheiden darüber, ob Menschen für eine freie Stelle oder einen Kredit geeignet sind oder nicht. Konzerne wissen heute wann wir wo sind, wen wir kennen und zu wem wir welche Bindungen haben, unsere Interessen und vieles aus unserem Privatleben. Ich brauche Ihnen beiden davon nichts zu erzählen, das alles wissen Sie so gut oder besser als ich. Doch ein Großteil der Menschen weiss nichts darüber. Die die davon gehört haben sagen frei, dass es ihnen Angst macht, dass man es aber sowieso nicht aufhalten könne. Kann man nicht. Aber mit gestalten kann man es!

Schauen wir uns die Entwicklung der Technik an, dann scheint es, als hätte man versucht in der technologischen Entwicklung genau das nachzubauen, was Orwell und Huxley geschrieben haben. Das habe ich mal im Spaß gesagt und behauptet, Huxley und Orwell wären heute ziemlich verärgert. Die Leute hätten offenbar nicht verstanden, dass ihre Dystropien einen Weg der Entwicklung aufzeigen sollten, den man eben nicht gehen sollte. Doch ich glaube, hier ist etwas fatales eingetreten, was Huxley, Orwell und die anderen nicht vor hatten: Sie haben mit ihren Werken die einzig verfügbare Utopie geschaffen. Und wie in der Psychologie bekannt ist, folgen Menschen immer den Mustern die sie kennen. Die Muster für die digitale Zukunft waren gelegt. So erklärt sich, dass Überwachung das erste ist, was den Menschen in den Sinn kommt, wenn sie über das Internet der Dinge nachdenken. Ich arbeite in dem Sektor und erlebe das immer wieder. Geschäftsführer, Maker, Kids bei Jugend Hackt… Egal wem man die Technik zeigt. Fragen Sie mal jemanden, was man mit SmartCity machen kann: Der Reflex zur Kontrolle und Überwachung ist immer das Erste. Und ich fürchte, 1984 ist daran nicht unschuldig.

Was aktuell passiert, empfinde ich als dramatische Fehlentwicklungen: Gesetzliche Einbaupflicht für Smart Meter, während Stromkonzerne mit Smart Metern bereits in der Lage sind, das Fernsehprogramm auf einem laufenden Fernseher zu ermitteln, Gesichtserkennung im Bahnhof Berlin Südkreuz, kurz nachdem die der Bundestag den Onlinezugriff auf die biometrischen Passbilder aller Deutschen durch Sicherheitsbehörden genehmigt hat. Besonnene Stimmen der Vernunft wie Netzpolitik.org finden kaum Gehör in der breiten Öffentlichkeit. Sogar die frappierenden Enthüllungen von Snowden haben zu keiner nennenswerten Änderung geführt. Wie hätten sie auch?

Das eigentliche Problem wurde mir durch unseren Sohn bewusst. Der nutze WhatsApp und ich sagte ihm, dass ich davon wenig halte und er besser Threema oder Telegram nutzen solle. „Aber das hat doch keiner“. Und genau da liegt das Problem. Ich konnte ihm keine Alternative aufzeigen. Nahezu alle vernetzten Lösungen unterliegen dem Netzwerkeffekt: Der Nutzen steigt mit der Anzahl der Nutzer. Was haben wir alle herzlich gelacht, als die CSU den Plan aufbrachte, ein deutsches Google zu erfinden. So realitätsfern das war, das Problem dahinter war es nicht. Wenige globale Player scheinen mit ihren Services enorme Macht anzuhäufen. Größere Macht als manche Volkswirtschaft. William Gibson läßt grüßen. Und Deutschland ist nicht dabei.

Ich arbeite mit an der Digitalisierung der Industrie. Ich glaube auch, dass die 4. Industrielle Revolution – anders als die vorangegangenen – mehr Jobs vernichten werden, als sie schafft. Viel mehr. Dazu gibt es einen schönes Interview mit Richartd David Precht. Bei der ersten industriellen Revolution gab es die Weberaufstände. Was droht unserer Gesellschaft, wenn das Konzept für den eigenen Lebensunterhalt zu arbeiten, überholt ist und es ganz neue Konzepte geben muss? Aktuell ist die einzig verfügbare Utopie das bedingungslose Grundeinkommen. Hartz 4 für alle, damit das aktuelle Wirtschaftssystem weiter funktioniert? Das erscheint mir als Alternative noch recht dürftig.  Aber wir brauchen eine Idee und das schnell: Bis 2016 haben die meisten Firmen noch versucht zu verstehen, was die digitale Revolution für Sie bedeutet. Aktuell sind die Projekte allerorts in der Umsetzung. Im Konzern wie im Mittelstand. In 5 Jahren wird sich das Bild in der gesamten Wirtschaft deutlich verändert haben.

Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, hilft es nicht auf die Gefahren hinzuweisen. Wie müssen die Richtung zukünftiger Entwicklungen in den Köpfen ändern. Zukünftige Entwicklungen werden von Menschen geschaffen, verbreitet und verkauft, zu denen auch ich zähle. Und sehr viele von uns holen sich Inspiration, Konzepte und Ideen aus Science-Fiction Romanen. Romanen wie Ihren. Auch Sie beide legen in den Köpfen Schienen. Wir brauchen neuartige Schienen, die in unseren Köpfen und vor unseren Augen eine lebenswerte digitale Zukunft entstehen lassen. Die Geisteswissenschaften werden dringender denn je gebraucht, doch die meisten stecken den Kopf in den Sand und versuchen das Phänomen des digitalen Wandels zu ignorieren. Um so wichtiger ist die Rolle der Schriftsteller. Wie ich unserem Sohn sollten sie nicht weiter nur aufzeigen, wo die Gefahren liegen, sondern auch, wie es besser oder anders gemacht werden könnte. Das ist schwer, zumal die Frage, wie es besser zu machen ist, weit schwerer zu beantworten ist. In Ihrem Fall soll das auch noch spannend sein. Eine digitale Rosamunde Pilcher hätte wohl kaum das Zeug zum Bestseller. Doch erst wenn die Menschen verstehen, dass autonome Autos auch bedeuten, dass Parkstreifen, Verkehrsschilder, Ampeln und Straßenmarkierungen komplett verschwinden könnten, entwickeln sie die Lösungen, die es dazu braucht. Mit Code die Welt verbessern, das versuchen die Mentor_Innen bei Jugend Hackt den digitalen Kids beizubringen. Liefern Sie uns bitte die Ideen.

Viele Grüße aus Hamburg,
Boris Crismancich

 

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One thought on “Offener Brief an die Autoren Elsberg und Olsberg

  1. Lieber Boris Crismancich,

    ich stimme Ihren Überlegungen im Großen und Ganzen zu, wenngleich ich bezweifle, dass Orwell und Huxley als Vorbilder verwendet wurden, um die Überwachungstechnologien zu schaffen, die sie vorausahnten. Meines Erachtens ist technologische Entwicklung, genau wie das Schreiben, ein Evolutionsprozess, der automatisch jede Marktnische mit einem Produkt füllt. Die einzige Möglichkeit, diesen Prozess zu steuern, besteht darin, bestimmte Entwicklungsäste „abzuschneiden“ oder andere zu fördern. Dies kann durch gesetzliche Regelungen geschehen, aber viel effektiver durch die von Ihnen zu recht geforderte Aufklärung, mit der man unerwünschte Marktnischen „austrocknen“ kann.

    Wenn „Smart Meters“ ein Problem sind, wie es der Kollege Elsberg in seinem Roman sehr überzeugend darstellt, dann ist der beste Weg, diese loszuwerden, der, zu einem Stromanbieter zu wechseln, der sie einem nicht aufzwingt, oder ggf. politischen Druck auszuüben, damit entsprechende gesetzliche Vorschriften geändert werden. Allerdings erfordert das, dass die meisten „aufgeklärten Bürger“ so handeln, und da habe ich meine Zweifel: Wir alle sind bequem (mich eingeschlossen) und machen täglich Dinge, von denen wir wissen, dass sie „nicht gut für uns“ sind, aber sich irgendwie gut anfühlen, oder uns fehlt schlicht die Energie, dagegen zu kämpfen. Der Gesetzgeber hilft auch nur begrenzt weiter, weil er gar nicht so schnell Gesetze erlassen kann, wie sich die Technologie ändert.

    Also sich doch lieber auf „gute“ Technologie konzentrieren und diese fördern? Das Problem dabei ist, dass wir nicht wissen, was „gut“ für uns ist. Man kann sogar sagen, dass es „gute“ und „schlechte“ Technologie gar nicht geben kann. Sind Smart Meter wirklich schlecht für uns? Ist Atomkraft schlecht? In den Fünfzigerjahren wurde sie als Lösung für all unsere Energieprobleme gepriesen, heute wären wir froh, wenn wir sie gar nicht erst entwickelt hätten. Wird es uns mit Künstlicher Intelligenz ähnlich ergehen? Wir wissen es nicht.

    Ich stimme Ihnen zu: Wir Schriftsteller können dazu beitragen, die Welt zu verbessern, und auch positive Utopien können dabei helfen. Allerdings kauft niemand ein Buch, in dem nicht irgendein dramatischer Konflit zu lösen ist, und die Utopien der Vergangenheit wirken im Nachhinein oft eher gruselig. „Schönschreiberei“ bringt uns also auch nicht weiter. Daher werde ich so weiter machen wie bisher: Mögliche Fehlentwicklungen beschreiben, damit diese erkannt und verhindert werden können, aber mir Mühe geben, ein allzu plattes Schwarz-Weiß-Bild dabei zu vermeiden, und versuchen, zum Nachdenken und Selberdenken anzuregen.

    Als Start-up-Gründer sehe ich es schon eher als meinen Job an, „positive“ technologische Visionen zu entwickeln und entsprechende Produkte auf den Markt zu bringen (z.B. die Verknüpfung von gedrucktem und digitalem Lesen – siehe http://www.papego.de). Ob das am Ende wirklich zu einer Verbesserung der Welt führt? Wer weiß …

    Herzlichst

    Karl Olsberg

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