Gesichtserkennung an Bahnhöfen

Was wirklich passiert und passieren kann.

Ich liebe Digitalisierung und ich lebe sie. Ich liebe auch das Internet der Dinge, bei dem beliebige Dinge mit kleinen Computern ausgestattet und so intelligent gemacht werden. Glascontainer, die bescheid sagen, wenn sie voll sind, Aquariumpumpen, die warnen dass mit dem Wasser was nicht stimmt. Das sind die guten Seiten der Digitalisierung.

Was Gesichtserkennung wirklich kann

Ich mache es kurz: Gesichtserkennung ist heute Kinderleicht. Es gibt verschiedene, darunter auch kostenlose Programme, die Gesichtserkennung können. Die richtig guten werden als Dienst im Internet angeboten. Das funktioniert so: Man schickt ein Bild hin und bekommt die ausgewerteten Daten zurück. Das funktioniert meist so: Ein System wird mit unzähligen Bildern von traurigen Gesichtern trainiert. Damit kann das System dann einen Score für Traurigkeit bilden. Oder man nimmt eine Datenbank mit Bildern von Menschen, deren Alter oder Geschlecht bekannt ist. Dann sortiert es neue Gesichter entsprechend ein. Klar verschätzen sich die Systeme mal. Manche Menschen sehen z.B. einfach jünger oder älter aus. Auch Freude im Gesicht von jemandem mit Halbseitenlähmung nach einem Schlaganfall wird so ein System nicht erkennen können. Aber für die meisten Fälle funktionieren die Systeme echt gut. Bei der Google Bilder App, dieht man, dass die Systeme auch unsere Kinderfotos den heutigen Fotos als Erwachsenen zuordnen können. Frisur, Brille auch teilweise verdeckte Gesichter ekennen die Systeme wieder. Heute können viele Systeme Identität, Ethnie, Alter, Geschlecht, Emotion (Panik, Angst, Ekel, Erstaunen, Trauer, Freude, Wut etc.) erkennen. Hier ist eine tolle Liste von Diensten und was sie so können. http://nordicapis.com/20-emotion-recognition-apis-that-will-leave-you-impressed-and-concerned/

 

Niemand hat vor, eine Datenbank mit biometrischen Fotos zu errichten

Verzeih bitte die zynische Überschrift. Man merkt – ich bin ziemlich sauer.Identität funktioniert nur dann wenn eine Datenbank zur Verfügung steht, in der man ein Foto und die zugehörigen Personendaten hat. Haben wir, mit biometrischen Bildern. Als diese Bilder in die Ausweise kamen, wurde uns versprochen, dass sie nicht in Datenbanken massenhaft genutzt werden dürfen. Damals war eigentlich schon klar, dass es nicht so bleiben würde. Am 19.05.2017 wurde der massenhafte Zugriff wie zu erwarten war erlaubt. Ohne nennenswerte Proteste der Bevölkerung.

Was hat man mit der Gesichtserkennung an öffentlichen Plätzen, in Bahnhäfen und Geschäften vor?

Wirtschaft und Werbewirtschaft

Zunächst einmal ist die Wirtschaft stark daran interessiert, insbesondere die Werbewirtschaft. Blickkontakte sind eine wichtige Messgröße in der Außenwerbung. Mit Kameras und Gesichtserkennung kann man das nun wirklich messen. In Geschäften kann man sehen, wie viele Männliche und weibliche Personen einen Laden betreten, wie alt diese sind. Dies passiert bereits in vielen Post Partner Shops. Auch, ob, zu welchen Uhrzeiten und wie oft die Personen wieder kommen, lässt sich so erkennen. Dazu, welche Gefühlsregungen die Gesichter bei einer Werbebotschaft verraten. Mögen sie, was sie sehen?

Überwachung, Sicherheit

Wenn wir in allen Bahnhöfen und U-Bahnhöfen, an allen Mautsystemen auf den Autobahnen Gesichtserkennung hätten, dann… Du ahnst es. Wir wüssen von jedem Bürger in Deutschland, wo er sich aufhält, wann er zur Arbeit fährt, wann er Krank ist, wohin derjenige in den Urlaub fährt, wie oft und wie lange. Wir wüssten, welche Menschen sich treffen und kennen, das gesamte soziale Netzwerk einer Person stünde uns offen. Eine phantastische Möglichkeit für Verbrechensbekämpfung.

Warum bin ich so sauer?

Irgendwie scheinen 1984, Brave New World und 2001 Odyssee im Weltraum das einzige zu sein, was wirklich viele Menschen über künstliche Intelligenz und zukunftsweisende Technologien gelesen haben. Tolle Bücher, die prophetisch die heutige Zukunft vorhergesagt haben. Nein, haben sie nicht. Es war eher eine selbsterfüllende Prophezeihung, denn bei aller kritik an der beschriebenen Zukunft haben die Autoren damit die einzig verfügbare Utopie der computerisierten Zukunft geschaffen. Und wir sind wie auf schienen da hin gefahren. Wir haben genau das an technischer Infrastruktur geschaffen, was in diesen Werken so katastrophale Folgen hat. Und es geht immer weiter. Als wäre es völlig absurd, dass die Technik auch hier einmal gegen uns eingesetzt werden könnte. Die Stasi haben wir zu schnell vergessen. Dabei haben Trump und Erdogan eindrucksvoll gezeigt, dass es jederzeit passieren kann, dass in einem Land jemand an die Macht kommt, der das System kippt, missbraucht und solche Technologien gegen die eigene Bevölkerung zu richten bereit wäre.

Fazit

Ich bin nicht gegen Gesichtserkennung. Aber ich bin dagegen, sie im öffentlichen Raum überall zu nutzen, sodass niemand mehr die Chance hat, sein Privatleben privat zu halten. Das was im Bahnhof Berlin Südkzeuz passiert, ist ein Schritt in eine dramatisch falsche Richtung.

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