Hamburg Digitale Hauptstadt

Checkliste: Das braucht Hamburg um digitale Hauptstadt zu werden

Hamburg – so hat der Senat beschlossen – soll digitale Hauptstadt, Vorzeigemetropole der Digitalisierung in Deutschland werden. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.Weitere Konkurrenten um den Titel sind Berlin mit einer florierenden Startup-Szene und die Medienhauptstadt Köln. Hamburg hat den Hafen, eines der europäischen Vorzeigeobjekte, und natürlich Airbus. Hamburg steht für Handel und Logistik, Branchen, in denen Digitalisierung besonders wichtig ist.

Doch an spektakulären Vorzeigeprojekten fehlt es. In Hamburg fliegen keine Airbus-Drohnen umher, es fahren keine autonomen Logistikfahrzeuge herum. Es sei denn, man zählt den Hermes Roboter mit, der auf Gehsteigen in Altona Gassi geführt wird. Im Hinblick auf Deutschlands Rolle in der Welt, muss unsere digitale Hauptstadt eines der internationalen Traumziele für digitale Unternehmen und Menschen sein. Es braucht strahlende Leuchtturmprojekte mit weltweiter Bekanntheit.

#1 Digitale Vorzeigeprojekte mit internationaler Strahlkraft besitzen und bewerben

Prime Now – Lieferung von Onlinebestellungen innerhalb einer Stunde – gibt es in München, Berlin, Frankfurt. Hamburg hat abgewehrt, befürchtete zu viel Verkehr. Doch wer digitale Hauptstadt sein will, der sollte bei Digitalisierungsprojekten die Führungsrolle übernehmen. Wir müssen Unternehmen und Startups die Möglichkeit, Infrastruktur und den rechtlichen Rahmen bieten, ihre neuartigen Visionen hier zu testen.

#2 Digitale Spielwiese für neue Technologien bieten

Warum geht man ins Silicon Valley? Weil da die coolen Unternehmen sind. Apple, Google, Tesla, Facebook, Lockheed Martin. Schillernde Namen in Sachen Digitalisierung. Wir haben Airbus, Otto, Edeka, Beiersdorf, Jungheinrich, Tchibo, Hapag Lloyd, um nur die renommiertesten zu nennen. Der Hafen ist das bekannteste Digitalprojekt. Airbus ist cool, Luft- und Raumfahrt sind Ikonen der Zukunftstechnologien. Otto ist in der Startup-Szene eine feste Größe, Jungheinrich der digitale Vorreiter der Staplermarken weltweit. Und der Rest? Nicht gerade die Größen der Digitalisierung – oder sie werden zumindest nicht als solche wahrgenommen.

#3 Mit attraktiven digitalen Projekten/Unternehmen werben und weitere hinzugewinnen

Die digitale Szene trifft sich auf internationalen Kongressen, Barcamps und Hackathons zum Austausch. Ein idealer Ort, um den Bekanntheitsgrad Hamburgs als Hauptstadt zu vermarkten. Hamburg sollte digitale Delegationen bestehend aus klassischen Hamburger Unternehmen und Startups organisieren und ggf. als Sponsor in Erscheinung treten. Dazu gehört, die Szene zu beobachten und einen Kalender mit wichtigen internationalen Events ins Leben zu rufen.

#4 Digitale Delegationen auf internationale Kongresse, Barcamps und Hackathons entsenden

Möchten Unternehmen und Startups aus Deutschland und der Welt nach Hamburg kommen, müssen sie günstige Möglichkeiten dafür finden. Nach dem Vorbild des Silicon Valley ist räumliche Nähe für den Gedankenaustausch unerlässlich. Hamburg als Think-Tank. Co-Working ist dafür das beste Modell: Orte, an denen man einzelne Büros oder für schmales Geld einen Schreibtisch mieten kann. Co-Working Spaces sind so ausgelegt, dass sie den Austausch zwischen den dort arbeitenden Menschen  – auch interdisziplinär – fördern. Dazu werden dort regelmäßig Netzwerktreffen, Vorträge, Hackathons angeboten. In Hamburg haben wir derzeit eine Hand voll solcher Spaces, die aber außer in der Startup-Szene nahezu niemandem bekannt sind. Co-Working ist der Kern einer digitalen Hauptstadt. Hier entstehen digitale Ideen und Projekte.

#5 Das Prinzip Co-Working Space als der Schlüssel muss bekannt gemacht und deutlich ausgebaut werden

Digitalisierung ist ein Lifestyle, der sich auf viele Bereiche des Lebens erstreckt – siehe Google und Apple. Digitale Macher wollen sich auch nach der Arbeit austauschen. 24 Stunden in einem digitalen Umfeld zu sein, auch nach der Arbeit die Gedanken um die digitale Welt kreisen zu lassen, ist eines der Erfolgsrezepte aus dem Valley. Ein ganzer Stadtteil wird zum Inkubator. Wohnraum sollte in direkter Nähe am Arbeitsplatz angeboten werden. Im Valley sind WGs mit hohen Mieten für kleine Zimmer üblich. Dabei fungieren die WGs wieder wie kleine Co-Working Spaces. Eine moderne Verkehrsinfrastruktur ist bei uns vorhanden und würde durch die zentrale Ansiedelung noch stärker genutzt und verbessert (Netzwerkeffekt).

#6 Wohnraum und WGs in direkter Nähe zur Arbeit anbieten, um digitale Stadtteile zu schaffen

4g-lte-vergleichSchneller Internetzugang ist in Deutschland und in Hamburg ein Drama. Wer einmal im europäischen Ausland gelebt hat, kann das bestätigen. Stand 2016 haben wir noch diverse Funklöcher in der Hamburger City. In Wien beispielsweise gab es bereits 2009 UMTS Empfang im tiefsten U-Bahntunnel. Bei uns bricht ein Gespräch bereits bei der Einfahrt mit der S-Bahn in den Hauptbahnhof ab. Heutige Computer und Telefone setzen nicht mehr auf viel Speicherplatz. Man setzt auf Speicherung der Daten in der Cloud. In Deutschland führt das dazu, dass tragbare Festplatten noch immer ein Verkaufsschlager sind. Wir brauchen dringend wie in Kopenhagen viele öffentliche und kostenlose WLAN Netzwerke, zeitlich unbegrenzt wohlgemerkt, nicht wie bei T-Online Hotspots. Schnelles, mobiles Internet muss zwingend flächendeckend funktionieren. Auch in Bahnstrecken wie der S-Bahn vom Hauptbahnhof nach Altona. Für Menschen, die digital arbeiten, bedeutet nicht verfügbares Internet den Ausfall von vielen Arbeitsstunden.

#7 Mobiles Internet zumindest in Kernregionen, keine Funklöcher, öffenliches WLAN

Digitale Startups und klassische Unternehmen können sehr stark voneinander profitieren. Vor allem Hamburg als ein Zentrum der Weltwirtschaft bietet enormes Potenzial. Von den klassichen Unternehmen lässt sich lernen, wie man internationale Märkte erschließt, insbesondere in Asien und im Osten. Organisatorische und rechtliche Fragen sind Hindernisse, die hier in Hamburg einfach gelöst werden können, indem man den richtigen Menschen den Kontakt zueinander ermöglicht. Hier müssen Formate gefunden werden, die auch einem älteren Publikum angenehm sind. Ein Beispiel wären Business Breakfasts. Im zweiten Schritt sollten digitale Unternehmen im Schlepptau der Großen mit auf Reisen von Wirtschaftsdelegationen genommen werden. Entstehen soll die Mischung aus konservativem Unternehmergeist und Startup-Mentalität.

#8 Mit Events wie Business Breakfasts alte Hasen der Wirtschaft und junge Digitale zusammenbringen

Das Internet der Dinge kommt aus der „Bastlerszene“. Digitales ist oft nicht nur virtuell, sondern erfordert Hardware, Löten, 3D Druck, Lasercutting. Dies geschieht meist in Hackspaces (Fokus auf Programmierung und Hardware) und Makerspaces (Fokus auf Materialbearbeitung, 3D Druck, Lasercutter). Hier entstehen Produkte, Gehäuse, aber viel Künstlerisches und Experimentelles. Hamburgs Hackspace- und Makerspace-Szene ist noch dürftig. Mit Attraktor, CCC und FabLab steht Hamburg hinten an. Attraktor und CCC umweht auch der Charme der klassischen Hackerszene, sie sind weniger attraktiv für hippe Startups und Frauen, obwohl beide sich sehr aktiv für Vielfalt einsetzen. Helle, einladende Räume und eine Ausstattung, die einer digitalen Hauptstadt würdig ist, wären wichtig. Andere Städte bieten Industrie 4.0 Labore und Musterfabriken. Auch das brauchen wir in Hamburg. Beide Welten zusammenzubringen – im Herzen der Stadt – würde enorme Synergien freisetzen.

#9 Hackspaces, Makerspaces und Industrie 4.0 Labore fördern, ansiedeln und zusammenbringen

Menschen vernetzen, das passiert hier schon, egal ob Einsteigerkurs 3D Druck, Vortrag und Diskussionsabend der Hochbahn zur eigenen Digitalstrategie oder der vegane Kochkurs. Die Plattform Meetup bietet mit ihrer App Austausch, Vernetzung und Ideenfindung für alle. Sie ist derzeit führend in Hamburg, aber bei weitem noch nicht bekannt genug. Auf keinen Fall sollte man das Rad neu erfinden wollen und Plattformen und Apps für die digitale Hauptstadt entwickeln, sondern stattdessen auf bestehende, etablierte Lösungen setzen, diese bekannter machen, und die Nutzer selbst entscheiden lassen, was am besten geeignet ist.

#10 Plattformen wie Meetup zur Organisation von Treffen bekannter machen

Wenn man im Netz zu Startup Hamburg sucht, findet man von der Stadt nur die Gründerseite mit den Angeboten „Gründerservice der Handelskammer“, „Online-Service Gründungswerkstatt“, „Gründungsfragen klären“, „Gründercoaching“. Wenig einladend für hippe Startups, die überlegen, ob sie nach Berlin oder Hamburg gehen wollen. Ein eigener Punkt Startup muss her, der all die oben genannten Angebote aufzeigt und zusätzlich, welche Startup-Infrastruktur Hamburg bietet. Es braucht an dieser Stelle Werbung UND Beratungsangebot.

#11 Gründerseite auf dem Hamburg Portal für Startups attraktiv machen

Ideen und Kapital müssen zusammen kommen. In Hamburg gibt es beides. Venture Kapitalgeber und Startups müssen zusammengebracht werden. Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg einer digitalen Hauptstadt. Das geht nur über persönliche Treffen, wie das Silicon Valley zeigt.

#12 Persönliche Treffen von Startups und Venture Capital organisieren und fördern

Die Zusammenarbeit der Hamburger Hochschulen mit Wirtschaft und Startups ist bereits vorbildlich. Spannend wäre jedoch, die Faktoren, die für Hamburg als digitale Hauptstadt maßgeblich sind, gründlich zu erforschen. Insbesondere die soziologischen und sozioökonomischen Aspekte. Zudem erleben wir in Deutschland wie in anderen Ländern eine zunehmende Spaltung von digitalen und analogen Generationen. Die Gesellschaft kann mit der Entwicklung nicht mehr Schritt halten. Das wird in Zukunft über Chancen auf dem Arbeitsmarkt entscheiden und birgt immenses Konfliktpotenzial für die Gesellschaft als Ganzes (siehe Wahlen in den USA). Die Geisteswissenschaften haben Digitalisierung bisher weitgehend ignoriert. Es braucht vor allem die Geisteswissenschafte, um die Gesellschaft auf den Weg in eine digitale Welt mitzunehmen.

#13 Hochschulen einbinden, um die Gesellschaft abzuholen und die digitale Hauptstadt mitzugestalten

Dieser Post entstand auf Grundlage eines Brainstormings mit Dr Yvette Teiken, Lead Business Intelligence und Hilmar Bunjes, Geschäftsführer der erminas GmbH. Beide besuchten im Oktober zwei Wochen lang unterschiedliche Unternehmen im Silicon Valley, um Ideen und Anregungen für ihr Unternehmen zu sammeln.

 

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