Geständnis: Ich bin ein #DigitalImmigrant

Ich war einer der Ersten mit einem Computer und einer der Ersten im Internet. Doch als Mentor bei „Jugend hackt“ und Vater zweier Kinder musste ich erkennen: Es liegen Welten zwischen mir und den digital Natives.

c64_startup_animiertMit 7 Jahren (1987) hatte ich einen C64, dann einen PC, Internet über Modem und ISDN, war einer der ersten, die HTML konnten. Erster Job: Die Karstadt Website. Das war 1999. Danach viele Jahre Intranets und Internetseiten deutscher und internationaler Konzerne. Bei Social Media von Anfang an überall mit dabei. Ich dachte nativer geht es nicht. Doch ich habe mich gründlich geirrt.

Als ich klein war, konnte man Menschen die unterwegs waren nicht einfach so erreichen. Es gab keine Handys. Es gab Kassetten, Schallplatten, Telefone mit Wählscheibe, den Telefonhocker und schwarz-weiss Röhrenfernseher. Einzig der C64 war digital. Als es dann richtig losging mit PCs, Netzwerken, LAN Parties, Internet, Chats war ich wie im Rausch. Das war meine Welt. Eine Welt die ich als kleines Rädchen mit gestaltet habe.

Es ist etwas Anderes, ob man Zeuge der Erstehung von etwas Neuem wird, oder ob man es von Geburt an als Selbstverständlichkeit erlebt.

Heute ist es schwer, Kids mit digitalen Superlativen zu beeindrucken. Wen interessiert schon, dass 16GB einmal rund 100.000 C64 Disketten entsprachen? Kein Respekt vor der Technik. Sie wird einfach genutzt. Ohne Ehrfurcht, ohne Berührungsängste, ohne Hemmschwellen. Gleiches gilt für Software. Namen wie  IBM, Oracle, SAP schüchterten uns ein. Nie im Leben wären wir auf die Idee gekommen, einfach damit zu spielen. Die Kinder von heute begegnen ihnen bei Programmierwettbewerben, als wären sie nichts anderes als Word oder WhatsApp. Und eigentlich haben sie damit sogar Recht.

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8-Jährige zeigt wie man Videostreams von einem Linux Mini Computer überträgt.

Anders als wir, lernen die digital Natives nicht aus Büchern und auch nur bedingt über Anleitungen im Netz. Sie lernen durch Zuschauen. Sie schauen denen zu, die es können und ihre Interessen teilen. Egal wie alt, egal wo. Youtube macht’s möglich. Es mag ein Sonderfall sein, aber mein großer Sohn befolgte mit 12 ein Tutorial und sendete aus seinem Minecraft Spiel Daten in Microsoft Cloud Services, wo er sie mit Power BI in Diagramme verwandelte. BI steht für Business Intelligence – Lösungen zur Analyse von Unternehmensdaten und Aufbereitung für strategische Entscheider . Für die Kids nur ein Programm wie viele andere auch.

Neulich war beim Technik-Stammtisch im Hackspace war ein 2-jähriges Kind dabei, dass gerade laufen konnte. Es patschte auf Papas SmartPhone herum bis Fotos erschienen, dass rief es begeistert Mama! Und wischte gekonnt von Bild zu Bild durch die Galerie.

Während wir Eltern noch überlegen, ab wann Kinder mit digitaler Technologie behelligt werden dürfen, erobern sie sich selbst die Technik. Wir fragen uns, wie wir den Medienkonsum unserer Kinder begrenzen müssen. Das Internet begrenzen heißt heute: Keine Spiele, kein Radio (Spotify), kein autodidaktisches Lernen (Youtube), kein Fernsehen (Youtube, Amazon Prime), keine Kommunikation (WhatsApp, Snapchat)… Alles läuft über das Internet. Bei manchen sogar das Busticket. In so einer Welt kann es nicht unser Ansatz sein, Internetverbot zu erteilen. Genauso unsinnig wie Stromverbot.

Natürlich ist es wichtig, neben der virtuellen Welt die reale Welt nicht zu vergessen. Ein gutes Gespräch, Körperkontakt, Bewegung, Sport, Musizieren, Unternehmungen mit Freunden, Natur erleben, Kultur. Lust auf etwas machen ist viel wirkungsvoller als etwas verbieten. Oft werfen wir den Kindern das vor, was uns selbst ein schlechtes Gewissen macht: Es mit der Nutzung von SmartPhone und Co zu übertreiben. Doch Kinder handeln im Spektrum der Handlungsmuster die sie kennen. Es liegt an uns, gute Muster vorzuleben.

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Calliope – ein Lerncomputer für Schulen

Wichtig ist, dass die digital Natives die digitale Welt beherrschen und nicht von ihr beherrscht werden. Dazu müssen sie verstehen, wie die Dinge funktionieren. Wie sie gemacht werden, von wem und warum. Wir müssen sie zu mündigen Nutzern machen statt zu folgsamen Konsumenten. Das ist entscheidend für die Zukunft unserer Kinder und mit ihnen für die Zukunft unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft, unseres Landes. Natürlich können nicht alle Eltern Spezialisten für Digitalisierung werden. Daher brauchen alle Kinder Lehrer für Digitalkunde, passende Unterrichtsmaterialien und einen Bastelrechner wie den Calliope an dem sich Digitales mit eigenen Händen kreativ ausprobieren lässt.

Ich habe große Bauchschmerzen bei vielem, was gerade in Sachen Digitalisierung passiert. Doch wenn ich dann unseren Kids zusehe, bin ich beruhigt. Die biegen das für uns hin. Denn sie sind wirklich Klasse, unsere digital Natives.

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